Spiritualität, Werte & Haltung
Zisterziensische Spiritualität
Ursprünge
Der Zisterzienserorden gehört zur benediktinischen Familie. Benedikt von Nursia (um 480–547) ist der Begründer des abendländischen Mönchtums. Die Zisterzienser sind ab 1098 als Reformbewegung des benediktinischen Mönchtums in Frankreich (Erstes Kloster in Cîteaux) entstanden. Bernhard von Clairvaux (um 1090–1153) war nicht der Gründer, aber der wichtigste Inspirator und Motor am Beginn.
Ausbreitung
Schnell hat sich der Orden damals in ganz Europa ausgebreitet, sodass das Stift Wilhering noch zu Lebzeiten des hl. Bernhard im Jahre 1146 gegründet werden konnte. Heute gibt es weltweit etwa 2.500 Zisterzienser-Mönche und -Nonnen, die in über 160 Klöstern leben. Besonders viele Mitglieder hat der Orden in Vietnam. Zur Österreichischen Zisterzienserkongregation gehören die Stifte Rein, Heiligenkreuz, Zwettl, Lilienfeld, Wilhering und Schlierbach in Österreich sowie Hohenfurth in Südböhmen.
Leben
Zisterziensische Spiritualität orientiert sich am Evangelium Jesu Christi, an der Regel des hl. Benedikt und an den mystischen Schriften der frühen Väter und Mütter des Ordens, wobei vor allem die geistlichen Schriften des Bernhard von Clairvaux zu nennen sind. Ziel des monastischen Lebens ist es, Gott auf dem Weg der klösterlichen Berufung zu suchen und zu finden.
Das Leben im Kloster soll eine Einheit von Gebet, Gemeinschaftsleben und Arbeit bilden, die einander bedingen und befruchten. Die konkrete Ausgestaltung des Lebens ist je nach Kloster sehr unterschiedlich. Zisterzienser wirken in Bildung, Seelsorge und individueller Begleitung von Menschen.
Pilgerwege
Als Stationen auf Pilgerwegen hatten die Klöster immer schon eine besondere Bedeutung. In Wilhering treffen neben dem neuen Pilgerweg auch der Jakobsweg, der Jerusalemweg und der Benediktweg zusammen.
In einer Zeit, wo kirchliches Leben mancherorts verdunstet und zugleich auch die Sehnsucht nach einer neuen geistlichen Verankerung spürbar wird, sind die Klöster verlässliche Orte des Gebetes, des Gottesdienstes und der kirchlichen Gemeinschaft.
Die Impulse für den Wilheringer Weg mit den 15 Gs sind aus dem Leben und den Schriften des hl. Benedikt und des hl. Bernhard genommen. Alle, die den größeren Zusammenhang dieser Impulse erfahren wollen, können sich hier vertiefen:
Heute mit Christus leben - Kostbarkeiten zisterziensischer Spiritualität
Abt Reinhold Dessl OCist
Spiritualität des Pilgerns
„Spiritualität ist die Kunst der Bewegung – es kommt auf den Geist an, der mich bewegt“
( P. Dr. Johannes Pausch, Europakloster Gut Aich)
Der Mensch ein Pilger von Anfang an auf dem Weg des Lebens
Der Wortstamm Pilgern kommt von “peregrinatio“ und bedeutet vom eigenen Acker weggehen, freiwerden von Bindungen und Abhängigkeiten. Heißt auch Fremde/r in der Fremde zu sein und in einer äußeren fremden Umgebung das Fremde in sich zu erkunden, sich mit dem eigenen Fremden anfreunden.
Pilgern ist ein Erkunden des Weges zu sich selbst, zu den Mitmenschen, zur Umwelt und zu Gott.
Wer sich auf eine Pilgerreise begibt, macht sich auf den Weg, der aus dem gewohnten wegführt, dem eigenen Haus, dem Dorf oder der Stadt. Das kann helfen Distanz zum Alltag zu gewinnen und wieder klarer auf das eigene Leben schauen zu können; zu sehen, wofür man dankbar ist, was einem glücklich macht, wo das Leben gelingt oder was einem bedrückt, was die tiefste Sehnsucht ist.
Pilgern ist keine Spaßbewegung, sondern eine klare Ausrichtung auf die Schöpfung und dadurch auf Gott.
Pilgern ist gekennzeichnet durch eine Struktur:
Aufbrechen – Unterwegssein / Gehen / Ruhen – Ankommen – Dasein - „Wenn du eine Strecke von tausend Meilen gehen willst, musst du mit dem ersten Schritt beginnen“ (chinesische Weisheit).
Es braucht Mut den ersten Schritt zu tun (aufbrechen) - Kraft durchzuhalten (gehen, unterwegs sein) und Segen sein Ziel zu erreichen (ankommen).
Der Weg
Gemeint ist aber nicht der kartografierbare, sichtbare, objektive Weg, sondern: Das auf dem Wegsein von Menschen, ihr in Bewegungsein auf ein Ziel hin, manchmal alleine, gemeinsam mit anderen Menschen und mit Gott.
Der Weg ist also ein Symbol für das Unterwegssein des Menschen und ist beim Pilgern ein Sinnbild des Lebens: Gerade Wege, verschlungene Wege, erholsame Wege, mühsame Wege, steinige Wege, weiche Wege, Umwege, Irrwege, kurze Wege, lange Wege, endlose Wege, Wegkreuzungen, Durststrecken, miteinander gehen, Weggemeinschaften.
Der Weg ist ein Ursymbol des Lebens. Wir sind unterwegs zu uns selbst, zueinander und zu unserem Lebenssinn – zu Gott / ins Göttliche / zur Erlösung.
Das Wort Sinn bedeutet ursprünglich ‚gehen’, ‚reisen’, Erfahrungen machen, in die Tiefe gehen, an den Urgrund gehen, etwas erleben.
Das Leben ist eine lange Pilgerreise zu sich selbst. Identitätsfindung ist ein lebenslanger Prozess, ein Weg mit verschiedenen Stationen, eine Aufgabe.
Auf diesem Weg begegnen wir Gott (besonders an den Kreuzungen)
Beim Pilgern wird den Menschen bewusst, dass sie Spuren hinterlassen, in den Spuren anderer nachgehen, manchmal aus der eigenen Spur geworfen werden, dass sie anderen Spuren vorgeben. Wenn der Weg am Anfang schwierig ist, soll man ihn nicht gleich verlassen, wenn man ihn weitergeht führt er in die Weite, in die Fülle des Ganzseins. Jedes kleine Zeichen am Weg erfüllt. Bewusst den Weg des Lebens dabei ansehen, Zeit haben, Zeit nehmen zum Leben, für den eigenen Lebensweg.
Beim Pilgern wird die Erfahrung gemacht, dass jede/r seine eigenen Wege gehen darf/ muss, jede/r selber (selbst aktiv auf eigenen Füßen gehen) den eigenen Weg wählen darf/muss.
Wir sind leibliche, sinnliche Wesen; alle Erfahrung und Erkenntnisse werden durch die Sinne vermittelt. Pilgern bietet dazu viele Wegerfahrungen.
Auf dem Weg gibt es vielseitige Begegnungen mit anderen Menschen.
M.Buber meint: „Am Du wird der Mensch zum Ich“.
Weggefährt:innen fordern die Pilger:innen zu Achtsamkeit und miteinander unterwegs sein und füreinander unterwegs sein, auf.
Der Weg als Mikrokosmos des Lebens hat verschiedene Aspekte und Stationen, die zugleich den Phasen des Pilgerns entsprechen:
Aufbrechen
Aufbruch im Gegensatz zur „Sitzgemeinschaft“, sie ist die Gefahr sitzen zu bleiben und damit nicht in innerer Bewegung und somit Entwicklung zu sein.
Aufbrechen, sich öffnen, loslassen, sich Herausforderungen stellen.
Pilgern heißt Aufbrechen zu neuen Erfahrungen, sich dem Leben stellen, aufmachen, einen inneren Wandlungsweg zulassen.
Aufbrechen bedeutet, sich der Herausforderung ungewohnten Gehens;
körperlicher Bewegung; einer neuen Umgebung – der Natur; dem Verzicht auf Komfort; und der Stille zu stellen; etwas verlassen und sich für Neues öffnen.
Ungewöhnliche Situationen sind Chance zur Wandlung – Weg und Wandlung haben die gleiche Wortwurzel. So haben wir gerade heute Aufbruch nötig, der uns Hoffnung schenkt für unser Leben, Aufbruch mit neuen Möglichkeiten des Miteinanders und neuem Umgang mit der Schöpfung, zu neuen Ufern.
Aufbrechen heißt, die Komfortzone verlassen (positive Askese), Verzicht auf Bequemlichkeit und Konsum eröffnet neue Erfahrungen: Das Einfache wertzuschätzen und zu danken (trockene Kleider, warmes Getränk, frisches Wasser, ein gutes Wort, eine Rast- und Ruhepause).
Besinnungsfragen stellen sich ein:
Was möchte ich zurücklassen?
Gepäck - was und wie viel trage ich mit mir? – Was kann ich aus meinem Lebensrucksack entfernen; was nehme ich bewusst hinein, weil es mir fehlt?
Was möchte ich mitnehmen? Was brauche ich überhaupt?
Welche Frage, welches Lebensthema begleitet mich? Wer begleitet mich?
Der moderne Wertewandel und der Trend zum Pilgern hängen zusammen. Viele Menschen suchen nicht mehr nur Konsum und Wellnessspaß, sondern Sinn und ganzheitliches Heilwerden. Auseinandersetzung mit fundamentalen Lebensfragen, Sinnsuche und die Sehnsucht nach Gottbegegnung lassen viele Menschen aufbrechen auf dem Pilgerweg.
Aufbrechen ist zugleich Weggehen und Hinterlassen.
Ortswechsel bedeutet, sich auf eine Gegenwelt zur gewohnten Alltags- oder Berufswelt einzulassen. Beweggrund zieht hinaus ins Weite, weggehen/Weg gehen um annehmen zu können, Rückzug aus der Alltagswelt zur Orientierung.
Unterwegssein / Gehen
Gehen liegt uns in den Genen und gehört zu unserer Natur, mangelnde Bewegung macht krank an Leib und Seele…Wörter wie: Steckenbleiben, unbeweglich sein, festkleben, erstarren etc. drücken dies ja aus.
Körperliche und seelische Bewegung hängen zusammen. Welche Schritte mache ich: Große Schritte, kleine Schritte, feste Schritte, zögerliche Schritte, sanfte Schritte, schnelle Schritte, langsame Schritte…
Durch längeres Gehen wie auf einem Pilgerweg, d.h. ständiges körperlich
„in Bewegung sein“ kommt auch die Seele in Bewegung. Man spürt sich selbst ganzheitlich.
Das Gehen in seiner Gleichförmigkeit wird unterstützt vom regelmäßig bewussten Atmen und wird zur Meditation. Fragen und Probleme tauchen auf, können bedacht werden. Lösungen reifen, auch weil gewohnte alltägliche Verhaltensmuster fraglich werden.
Das Zeitgefühl verändert sich, es gelingt ganz im Augenblick zu sein, Zeit zu haben und auszukosten.
Die Heilwirkung der Natur mit ihren Farben, Gerüchen, Bildern, Geräuschen, Witterungen, Tages- und Jahreszeiten begleiten zu einer neuen Sensibilität, Achtsamkeit und Spiritualität der Pilger:innen.
Beim Unterwegssein trifft man immer auf Orte der Begegnung – Angenommen sein, aufgenommen werden = Orte der gelebten Gastfreundschaft: Nicht weil ich zahle, sondern, weil ich ICH bin.
Ruhe/Rasten
Der gleichmäßige Rhythmus des Gehens führt zu innerer Ruhe, zur Entdeckung der Langsamkeit, die es ermöglicht, bewusster wahrzunehmen, die Landschaft mit den Füßen zu studieren, den Boden mit den Füßen zu streicheln.
Ruhe ist nicht machbar. Das Schöne, die Schönheit der Schöpfung, die man jetzt genießen darf, ist den Pilger:innen geschenkt. Zeit haben, nichts erledigen müssen, keine Leistung erbringen müssen, einfach nur SEIN. Muße haben, mit allen Sinnen wahrzunehmen ist ein Privileg.
„Wahrnehmung“ der Natur mit allen Sinnen und „Besinnung“ hängt zusammen und ist eine
Erfahrung der Lebendigkeit – alles ist belebt (Mikrokosmos).
Zusammenhang und Vernetztheit werden bewusst: auch ICH bin ein Teil davon, verbunden mit ALLEM.
Ruhe ermöglicht es bewusst zu genießen und zu danken
Ankommen - Ziel
Ankommen, zurückblicken, feiern.
Das Ziel ist erreicht – erreichen bedeutet: es reicht, ich brauche nicht mehr weiter gehen, weitermachen, es ist gut so wie es ist. Tiefe Zufriedenheit stellt sich ein: Ich habe es geschafft! Ich bin da. Angekommen bei mir, bei den anderen, bei Gott. Ich habe mich aufgemacht, dass seine Botschaft bei mir ankommen konnte.
Ankommen – am Ziel sein, steht für die Zukunftshoffnung, Gott als Ziel des Weges.
Dasein
Im Rückblick sehe ich: Ich habe meine Fähigkeiten und Grenzen kennen gelernt, habe äußere und innere Kraft gewonnen, bin gewachsen und durch die zurückgelegte Wegstrecke ermutigt und gestärkt. Ich habe Selbst- und Gottvertrauen geschenkt bekommen,
Pilgern hat einen tiefen spirituellen Aspekt. Wir sind Wander:innen auf Erden und sind unser Leben lang auf der Suche nach Heil und Glück, fühlen uns immer wieder einmal entfremdet davon und suchen unsere innere Heimat und finden diese – letztendlich bei Gott.
Christine Dittlbacher MAS